Ich hatte vor vielen Jahren eine eigene Songtextseite. Diese hatte ich zunächst auf dem Quota meiner Schule eingerichtet. Das besondere daran war, dass es damals schon so eine Art Wiki war. Die Besucher stellten die Songtexte ein und ich muste diese nur redigieren und doppelte löschen. Innerhalb eines Jahres hatte die Seite über 80.000 Songtexte, wohlgemerkt alle von Hand von Besuchern in die Datenbank gekloppt. Überwältigend!
Die Besucher wurden angehalten, wenn sie einen Songtext nicht finden würden, diesen dann doch bitte in die Datenbank einzufügen. Der Clou, neben dem Namen des Interpreten und Songtitels stand der Name des “Submitters”, also desjenigen der den Songtext nach Gehör abgeschrieben hatte. Das machte auch den Erfolg der Seite aus. Viele Besucher gaben sich den “Battle” darum ALLE Songtexte ihrer Liebingsinterpreten in die Datenbank zu kloppen, damit ihr Name neben dem Songtext steht. Eine Art virtuelle Landnahme.
Neben dem Submitter stand auch eine sogenannte “SongID” neben den Texten. Dies war einfach eine fortlaufende Nummer, die jeden Songtext eindeutig identifizierte, eben der primary key der ein autoincrement hatte - Programmierer wissen was ich meine. Nun so eine hochzählende Nummer hat auch die Eigenschaft dass sie gerne mal bei Schnapszahlen (66.666) oder vollen Zahlen (10.000) vorbei kommt. Was für die “Submitter” anscheinend einen eigenen Reiz ausmachte. Nachdem ein Songtext hinzugefügt wurde, hatte ich immer stets gleich angezeigt, mit welcher ID dieser in der Datenbank gelandet war. So konnten die Submitter auch erkennen, wenn noch jemand gleichzeitig Songtexte hinzufügte. Bemerkenswert war, dass, wenn sich Schnapszahlen oder ganze Zahlen näherten, die Anzahl an neuen Songtexten extrem anstieg - um dann wieder aprupt abzufallen, wenn sie erreicht waren. Die Submitter wollten sich mit ihrem Lieblingstitel, daneben mit ihrem Namen und einer schönen SongID auf der Seite verewigen. Das ging sogar stellenweise soweit, dass ein Submitter mitten in der Nacht 200 Songtexte hinzufügte, nur um zu einer Schnapszahl zu kommen und bei so einer unchristlichen Zeit sicher zu gehen, dass ihm diese keiner wegschnappt.
Auf der Seite gab es auch eine Top 10 der Submitter mit den meisten Songtexten. Interessanterweise gab es auf den Plätzen 8-10 einen ständigen “Abstiegskampf” der Submitter. Das ging sogar soweit dass im Gästebuch Kommentare standen wie
Puuh! Wieder 300 Songtexte hinzugefügt. Hat zwar 3h gedauert, aber das sollte jetzt für eine Weile reichen, um in der Top 10 zu bleiben.
Als ich so unverschämt war und aus der Top 10 eine Top 50 machte, um auch die weniger aktiven Benutzer zu honorieren, gab es Entrüstungen im Gästebuch, böse E-Mails und sogar - zum ersten mal in meinem Leben - auch Anrufe auf mein Handy. Ich könne doch nicht einfach die Top 10 “entwerten”. Der Kompromiss war dann, dass ganz oben die Top 10 stand und mit 5cm Abstand die restliche Top 50 folgte. So war jedem Genüge getan.
80.000 Songtexte innerhalb eines Jahres waren phänomenal und ich bin mir sicher dass diese vielen kleinen Incentivierungen der User mit “virtuellen Orden” und dem setzen von irgendwie gearteten Monumenten mit dem eigenen Namen darauf - um dem Lieblingsinterpret näher zu kommen - war der Schlüssel zum Erfolg dieser Community.

Thilo Hardt aka lemming ist Informatiker. Er lebt in der atemberaubenden Hauptstadt - Berlin. Seine Hobbys sind, neben dem Bloggen, Apple Macintoshs, GNU/Linux, Usability und Arbyten.
November 19th, 2009 at 10:48 am
haha,
ich hab sehr gelacht. Und du hast ganz sicher recht - digital revenue SIND Highscores + Erwähnungen. Eventuell sollte die Wikipedia auch über sowas nachdenken, angesichts der aktuellen “Krise”.
November 19th, 2009 at 1:30 pm
Welche Krise denn bei Wikipedia? Werden mittlerweile etwa mehr Artikel gelöscht als neue geschrieben?
January 7th, 2010 at 2:20 pm
Ich bin da mit Dir völlig einig, lieber lemming - falls die Wikipedia eine Krise hat ist die komplett selbstverschuldet, weil die ursprünglich Verantwortlichen es zugelassen haben, dass sich einige Kontrollfreaks selbst an die Spitze gesetzt haben