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Das digitale Erbe

August 30, 2004

Vor tausenden von Jahren malten unsere Vorfahren Tiersymbole und Strichmännchen mit Pflanzenfarben an Höhlenwände. Ihre Überlieferungen sind bis heute erhalten geblieben. Ihre Bedeutungen sind uns ebenso bekannt. Sie zeigen Jagdverhalten und Geschichten der Höhlenbewohner.
Je höher entwickelt eine Zivilisation ist, umso mehr Wissen hat sie sich zu eigen gemacht. Umso komplizierter sind ihre Überlieferungen. Z.B. die Inkas die mit Knoten in Seile ganze Nachrichten übermittelten, deren Bedeutung wir heute nicht mehr kennen. Die Hyroglyphen der Ägypter deren Entschlüsselung nur gelang, weil man den 2000 Jahre alten Stein von Rosetta fand. Auf ihm waren u.a. ägyptische Hyroglyphen in Griechisch übersetzt. Das Wissen über die ägyptischen Zeichen überdauerte in Stein und nicht im Kopf der Kinder der vor 80 Generationen lebenden Kultur. Dies zeigt, solange Wissen nicht gespeichert wird, ist es vergänglich. Es ist ebenso vergänglich, wenn die Methode mit der man es lesen kann auch vergessen wird. Die Frage ist nur welches Medium sich als Sicher erweist.
Papier ist ein mehr als schlechtes Material um Daten über Generationen hinweg zu speichern. Historiker haben heute Probleme kostbare Werke wie die 1000 Jahre alten persischen Koranferse zu erhalten. Tausende von Büchern von Holzwürmern und Trockenheit zerfressen. Was bleibt davon in weiteren 1000 Jahren übrig? Nichts mehr, ausser die Abschriften, die man im Wettrennen mit der Zeit gerade erstellt.
Wer nun denkt diese Probleme hätte man nun nur mit Wissen aus der weiten Vergangenheit, der irrt. Im Gegenteil, die seit einem halben Jahrhundert eingesetzten Speichermedien zerstörten mehr Informationen als in den letzten 1000 Jahren die Zeit. Entweder lassen sich Magnetbänder aufgrund von entmagnetisierten Stellen nur noch teilweise oder gar nicht mehr lesen. Oftmals verhindert schon das nicht vorhandensein eines Lesegerätes die Rettung der Daten. Wer den Selbstversuch wagen möchte, der soll versuchen den Inhalt einer 9″ Diskette auf ein heutiges Computersystem zu kopieren. Oder mit einer Mac OS 2 formatierten 3½” Diskette. Einer Datasette eines Commodore. Eine LS-120-Diskette. Diese Daten sind nicht einmal 20 Jahre alt und für uns nicht mehr lesbar. Und wenn, was haben wird dann für Daten? Unter anderem Komprimierte und Verschlüsselte. Daten in unbekannten Formaten. Diese wieder lesbar zu machen gleicht einem Kraftakt den unsere Nachfahren vielleicht scheuen werden.
Der eine oder andere mag nun ansinnen man könne doch die Daten, ehe man auf ein neues System umsteigt auf das neue konvertieren. Nun, mit den wenigen wichtigen Daten wird das heute schon automatisch so gemacht, aber was ist mit den unwichtigen Daten? In einem Zeitalter in dem die kleinste Information später irgendwann wichtig werden könnte, sollte diese auch noch nach 50 Jahren abrufbar sein. In dieser Zeit hat die IT, legt man die vergangenen Entwicklungssprünge zugrunde, schon mehrere »bessere« Speichermedien entwickelt. Die Bürde die wird den kommenden Generationen auferlegen die alten Informationen ständig zu konvertieren wäre unverantwortlich. Vorallem wenn man sich die Entwicklungszyklen neuer Speichermedien betrachtet, so werden diese immer kürzer. Die Zeit in der sie verwendet werden verkürzt sich ebenso equivalent. Die Informationen die gespeichert werden müssen steigt mit jeder Generation hingegen potenziell. Es wird ein zu großer Aufwand sein das Wissen der Vergangenheit plus das der eigenen Generation zu speichern. An irgendeinem Zeitpunkt in der nahen Zukunft wird eine Generation darüber entscheiden müssen, welches Wissen sie vergessen muß.
Nun alles auf Mikrofilm zu speichern oder in Stein zu meißeln scheint nicht der Lösung letzter Schluss, eine andere Möglichkeit muß noch erdacht werden. Bis dahin wird es wohl in der Zukunft Spezialisten geben die nichts Anderes machen als alte Medien in Neue zu konvertieren - und das für gutes Geld. Nachteil dabei, es werden wieder nur die wichtigsten Daten sein.
Kurios scheint es anzumuten, dass wir die die im Informationszeitalter leben die größten Schwierigkeiten haben, unser Wissen, unsere Erungenschaften für die Zukunft zu konservieren.

1 Kommentar

martzell ·

Von den Stummfilmen sollen nur noch 3 % erhalten sein. Man hat sich auf die Filmindustrie verlassen, dass sie dieses Kulturgut erhält. Sich auf die Industrie zu verlassen funktioniert also nicht.

Eine Gruppe versucht alte Videospielgeräte wie man sie aus Spielhallen kennt zu erhalten. Nur das Spiel in einer Emulation auf einem aktuellen Rechner laufen zu lassen ist nicht originalgetreu. Leider gehen Platinen und Mikro-Chips mit der Zeit kaputt. Es gibt auch ein Museum oder zumindest gab es eine Ausstellung dieser alten Videospiele. Im Gegensatz zu anderen Museen, darf man hier die Ausstellungsstücke anfassen und die Spiele spielen.

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