Die Serie zur Klärung der Computer-Geschichte geht weiter. Ein Kollege, ein gelernter Fachinformatiker für Systemintegration meinte, man solle doch froh sein das Microsoft die graphische Benutzeroberfläche erfunden hat. Ungeachtet dessen, dass Microsoft nicht die GUI erfunden hat, meinte er sicherlich damit Windows. Doch Microsoft setzte schon vor Windows auf eine bereits verbreitete standardisierte GUI, die heute noch - und mit Linux und Mac OS X auch noch verstärkt - im Einsatz ist. Ich meine X11.
Gestern, beim Aufräumen unseres Entwicklerbüros, fiel mir ein PC in die Hände der hinter zig Kartons Jahre lang verstaubte. Ein Acer 486 DX 33. Ich rechnete eigentlich schon damit, dass dieser PC keinen Muckser mehr machen würde, wenn ich versuchen würde ihn einzuschalten. Doch es gelang. Ein Boot-Loader startete und lies erkennen, dass der IDE-Controler, das Mainboard und die Platten noch funktionierten. Dass ich es mit einem Unix zu tun hatte und nicht mit einem Linux, erkannte ich an den vielen Copyrights die nach und nach aufgezählt wurden. Die Jahreszahlen waren nicht älter als 1993. Es musste also ein sehr altes Unix sein. Zu meiner Überraschung startete ein XServer und ich sah ein Mouse-Cursor. Kurz danach sah ich einen Anmeldebildschirm. Die Beschriftung der einzelnen Eingabefelder war in Serifer Schrift. »SCO Unix System V - Open System «. Das Passwort klebte in unleserlicher Schrift auf dem Desktop-Gehäuse. Die letzte Sitzung - von 1994 - wurde wiederhergestellt. Wie beim Ausgraben einer Zeitkapsel offenbarten sich ein Desktop der vor zehn Jahren verlassen wurde. E-Mails, Drucker, Programme (MS Word), Dokumente waren alle zurück gelassen.
Ich selbst hatte zuvor noch kein SCO Unix, bzw. Xenix vor mir gehabt. Ich kannte es - jetzt wird’s lächerlich - nur von Bilder. Der Desktop bestand aus 16 optimierten Farben und einer Auflösung von 800×600 Pixel. Der Monitor zeigte den Desktop nur in 60Hz an, was das arbeiten unerträglich machte. Die Icons hatten eine Größe von 64×64 Pixel und konnten sogar animiert sein. Fenster konnten sich überlappen und minimiert werden. Drag&Drop funktionierte problemlos von Ordner-Fenster zu Programm-Fenster. Speichern-Dialoge waren auch vorhanden. Es gab bereits einen Papierkorb, den es in Windows 3.1 (erschien 1992) noch nicht gab. Eine Menu-Leiste mit abgerundeten Ecken(!) befand sich die ganze Zeit an der oberen Kante des Bildschirms. dateinamen mit 265 Zeichen inklusive Sonderzeichen. Die Benutzer-Dialoge hatten Verben, statt »Ja«, »Nein« und »OK«. Das Hilfe-System kannte untereinander verknüpfte Dokumente, aber leider keine Such-Funktion.
Man konnte mit Hilfe einer Emulation Windows-3.1- und DOS-Programme ausführen. Und das alles schon 1994. Mir fiel auf, dass manche Software-Programme wie z.B. Paint oder die Systemsteuerung von SCO Unix starke Ähnlichkeit mit dem hatten, was heute noch bei Windows mitgeliefert wird.
Wie eine kleine Zeitkapsel wartete der kleine 486 zehn Jahre lang in einer Ecke um eingeschaltet, bestaunt und wieder ausgeschaltet zu werden. Nützlich ist er sicherlich nicht mehr. Es gibt keinen Drucker auf dem man drucken könnte. Keinen Browser der darauf funktionieren würde. Keinen Menschen der damit wieder arbeiten möchte.

2 Kommentare
SCO gehörte doch mal zu MS bzw, wurde aus MS ausgegliedert als MS meinte, Unix wird nix… jaja, der Bill
Richtig. Witzigerweise führt SCO seit geraumer Zeit einen Rechtsstreit mit den Linux-Distributoren. SCO wirft Ihnen vor, der Linux-Kernel, den Torvalds angeblich in wenigen Monaten Eigenarbeit geschrieben haben soll, würde Teile von SCO Unix beinhalten.
Weiter seltsam: Hauptinvestor zum Aufstocken der Kriegskasse war Microsoft.