← Journal · Archiv

Dr. Seltsam - oder wie ich lernte die Bombe zu lieben

June 12, 2007

Lange, lange ist der kalte Krieg her. Ein super Bedrohungsszenario haben die Russen der westlichen Welt geliefert. Alles was hinterm eiserenen Vorhang vorging hat nur die CIA gewusst. Alles was der Sache dienlich war, um den Status Quo zu erfüllen, wurde an die AP durchgegeben. Verhandlen konnte und wollte man eh nicht.
Als Stanley Kubrick damals (1964) Dr. Seltsam ins Kino brachte war man schon ziemlich verdutzt, wie frech die Militärs und Regierungschefs dort parodiert wurden und wie man - zumindest im Film - auf einmal miteinander reden konnte (auch wenn der russische Premieminister nicht über das rote Telefon an seinem Arbeitsplatz erreichbar war - sondern im Puff und dann auch noch stockbesoffen).
Der Film handelt vom Ernstfall, die Welt sieht sich am Rande der Zerstörung. Mithilfe von vielen Sonderbeschlüssen für den Ernstfall und mit noch viel mehr Atombomben wiegen sich beide Großmächte in einer Sicherheit. Nur dass ein General meint, er müsse seine Fliegerstaffel, die sich als ständige Drohgebärde in der Luft befindet, dazu verwenden um den 3. Weltkrieg vom Zaun zu brechen. Der Präsident würde schon noch mit genügend Atombomben und Truppen nachziehen um den Russen, die den Amerikanern ihre »Lebenssäfte« vergiften, mit einem Erstschlag den Gar ausmachen. Alle Russen tod, amerikanische Verluste nur 10% - super strategischer Vorteil!
Als sich dann doch heraus kristalisiert, dass die Bomber nicht zuzrückgerufen werden können, wendet sich der etwas überforderte US-Präsident (wunderbar von Peter Sellers gespielt) an den russichen Botschafter.
Man hätte auch schon früher miteinander reden können und die Einladung des Botschafters zur Untergangsparty im War-Room mutet grotesk an - plötzlich kann man zusammen arbeiten.
Dumm nur dass die Russen für einen Erstschlag der Amerikaner (was ja auch von ihrer Seite aus wahrscheinlicher ist, als ein Erstschlag von Russland aus) vorgesorgt haben und ein »doomsday device« gebaut haben.
Dieses doomsday device lässt sich nicht mehr abschalten und macht die Versprechung die komplette Oberfläche der Erde in Schutt und Asche zu legen, sollte eine amerikanische Atombombe auf russichem Boden detonieren.
Dr. SeltsamTja, und genau das passiert auch. Ein Glück das Dr. Seltsam (ebenfalls gespielt von Peter Sellers), ein alter Nazi, als Kriegsbeute in die USA eingewandert und nun ein Mitglied des Beraterstabs des Präsidenten, bereits einen Plan ausgeheckt hat, wie die westliche Welt überleben kann. Mit grotesken Gesten (Dr. Seltsams Arm verselbstständigt sich ab und zu und schnellt zum Hitlergruß nach oben und muss von Dr. Seltsam gebändigt werden) umschreibt Dr. Seltsam ein Utopia in den tiefsten Bergwerken von Amerika, in dem jeder männliche Überlebende (die Regierung, das Militär und die Wissenschaftlerriege an erster Stelle natürlich) kontinuierlich bis zu zehn junge, hübsche Frauen befruchten muss um das Überleben der westlichen Zivilisation zu gewährleisten. Und natürlich müssen die Frauen ausgesprochen hübsch sein, damit genug Nachkommen entstehen und die Russen keinen Bevölkerungsvorteil haben, wenn man nach 100 Jahren wieder aus seinem Bergwerk kriecht um sich die Köpfe einzuschlagen.
In Anbetracht der Aufgaben denen sich die Führungsriege im Führerbunker nun stellen muss, sieht die nahende Zerstörung der Erde durch das doomsday device gar nicht mehr so schlimm aus. Am Ende des Films, als alle vom Plan überzeugt sind, steht Dr. Seltsam aus seinem Rollstuhl auf und ruft »Mein Führer, ich kann wieder gehen!«.

4 Kommentare

Metty ·

Klingt verdammt gut, direkt mal notiert.

lemming ·

Ich selbst werde ihn mir die nächsten Wochen noch einmal anschauen. War einfach zu komisch.

Peter ·

Der Film ist brillant. Das liegt auch hauptsächlich an Peter Sellers, der ja quasi einer der besten Schauspieler war.

lemming ·

Sellers kenne ich bis jetzt nur aus vier Rollen und alleine drei spielt er in Dr. Seltsam. Das andere war der Rosa Rote Panther - wobei da es eine riesen Enttäuschung gab, dass der Film nichts mit dem Zeichentrick zu tun hat - man war ja noch klein.

Kommentar hinterlassen